Der feine Unterschied zwischen »Nett« und »Nett gemeint«

Heute Morgen bekam ich einen Anruf meiner Mutter.
»Du stehst in der Zeitung!«, hatte sie gerufen. Und tatsächlich, die Hessische/Niedersächsische Allgemeine, die Zeitung, die in Melsungen, wo ich aufwuchs, gelesen wird, schrieb über mein Buch. Und zwar nicht bloß im Lokal-, sondern sogar im überregionalen Kulturteil. Das verwunderte mich nicht sonderlich, schließlich hat der Journalist vor kurzem ein Telefoninterview mit mir geführt und wir haben eine gute halbe Stunde nett geplaudert.
Screenshot HNA-Rezension
»Was hat der sich denn dabei gedacht!«, fuhr meine Mutter fort.
Ich las den Artikel in der Online-Version.

Das Lustige im Traurigen: Das tolle Buch des Melsungers Marvin Ruppert

Besser kann’s ja eigentlich gar nicht losgehen! Aber es könnte besser weitergehen.

Selbst die schönsten Momente sind für Marvin Ruppert traurig. Im Frühling 2007 hatte sich der aus Melsungen stammende Autor in seinem Studienort Marburg in Maria verliebt. Die lud den vom Heuschnupfen geplagten Mann bei strahlendem Sonnenschein zum Picknick an die Lahn ein, wie Ruppert in seinem ersten Kurzgeschichtenband schreibt.

Hm. Dass »Ich« und »Ich-Erzähler« fälschlicherweise gleichgesetzt wird, passiert gelegentlich, schließlich arbeite ich ja auch mit doppeltem Ich (Real-Ich vs. Rollen-Ich). Trotzdem schade, da ich den Journalisten explizit darauf hingewiesen habe. 2007 habe ich garantiert andere Dinge getan als mein Ich-Erzähler. Aber das würde meine Mutter nicht gemeint haben, außerdem rettet der Schreiber sich mit dem ersten Satz nach der Einleitung auch wieder:

„Picknick an der Lahn?“, denkt sich der Ich-Erzähler. „Da könnte ich auch gleich nackt auf einem Pferd durch ein Getreidefeld reiten und Pusteblumen schniefen und es würde mir besser gehen.“
Marvin Ruppert hat tatsächlich Heuschnupfen. Wäre sein Leben auch sonst so wie das seines Ich-Erzählers, wäre es unglaublich komisch.

Dann geht’s weiter, viel Lob, das Buch kommt super weg (um vorzugreifen: am Ende auch fünf von fünf Sternen, cool). Und oh, da ist er, der Abschnitt, den meine Mutter wohl meinte, und der »Och nee«-Moment:

Köstlich beschreibt der 28-Jährige den Alltag in der Universitätsstadt oder Besuche auf dem Melsunger Weihnachtsmarkt: „Süßsäuerlicher Glühweingeruch penetriert die kalte Dezemberluft hart und ejakuliert Dummheit in sie hinein.“

Ein Satz von einem Melsunger über Melsungen in einem Artikel, der insbesondere von Melsungern gelesen wird. Wohlgemerkt in einem überaus positiven Artikel. Ein Satz aus einer Geschichte, die eigentlich von einer fiktiven Familie in einer fiktiven Stadt handelt, die mit Zombie-Apokalypse endet und – na gut – in der Ich-Perspektive geschrieben ist. Ob ich in dieser Geschichte über den Melsunger Weihnachtsmarkt spräche, frug der Journalist am Telefon sogar, und ich antwortete: »Irgendein Weihnachtsmarkt, egal, beim Schreiben hatte ich eigentlich sogar das Bild des Marburger Weihnachtsmarktes vor Augen.«
Ein anderes Zitat mit Melsungen-Bezug hätte dem Artikel sicher besser getan. Einfach weglassen übrigens auch.

Fazit: Cool, ein großer, sehr positiver Artikel in meiner Heimatzeitung mit ordentlich Wirkung: Bei Amazon konnte ich die »Noch … Stück auf Lager«-Anzahl heute Vormittag regelrecht schrumpfen sehen. Aber schade, vom unglücklich platzierten und örtlich falsch zugeschriebenen Weihnachtsmarkt-Zitat fühlen sich manche bestimmt auf den Schlips getreten. In Zukunft werde ich jedenfalls darauf bestehen, Artikel nach Interviews zur Freigabe zu bekommen.

PS: Liebe Melsunger, ich mag euch. Ich mag nach Hause kommen und ich mag Erinnerungen an Früher. Ich mag Weihnachtsmarkt (im Allgemeinen!) nicht sonderlich. Der Melsunger Weihnachtsmarkt macht da keine Ausnahme, sticht aber auch nicht negativ heraus. Letztes Jahr habe ich sogar mal einen Glühwein getrunken. Und es war nett.

Nachtrag: Der Rezensent hat sich noch mal gemeldet und den Weihnachtsmarkt-Fauxpas in der Onlineversion ausgebessert. Finde ich super. Außerdem ist der Amazon-Bestand und der des Großhändlers dahinter (Libri) innerhalb eines Tages weggekauft worden. Stark, wie viel Einfluss so eine Zeitungsrezension haben kann.

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